Ernährungssicherheit in der EU
Was die Befürworter der traditionellen GAP sagen
Wenn wir die landwirtschaftliche Produktion dem Markt überlassen, setzen wir damit unsere Ernährungssicherheit aufs Spiel. Die Preisschwankungen der letzten Jahre und die Wirtschafts- und Finanzkrise haben gezeigt, wie notwendig staatliche Lenkung ist. Wir brauchen Zölle, produktionsgebundene Subventionen und Einkommenshilfen für Landwirte, um die Selbstversorgung der EU sicherzustellen.
Die europäische Lebensmittelproduktion ist beruhigend hoch
In den letzten fünf Jahrzehnten hat Europa jedes Jahr genug Lebensmittel produziert, um seine Bevölkerung zu ernähren. Das europäische Produktionspotenzial wird in der Zukunft weiter wachsen, da sich landwirtschaftliche Technologien und Methoden verbessern. Die Bevölkerung hingegen wird in Europa sehr wenig wachsen. Somit vergrößert sich der Sicherheitspuffer zwischen der EU-Produktion und der zur Ernährung notwendigen Menge an Lebensmitteln. Es ist möglich, dass die Ernte aufgrund des Klimawandels weniger verlässlich wird. Aber das Produktionsniveau ist so hoch, dass eine Hungersnot in Europa nahezu ausgeschlossen werden kann.
… und das Produktionspotenzial ist noch größer
Im Notfall könnten Landwirte ihr Anbaugebiet vergrößern, das Land intensiver bearbeiten und die Produktion auf ertragreichere Lebensmittel umstellen. Insbesondere könnten mehr Grundnahrungsmittel hergestellt werden, wenn die Produktion von Fleisch, Milch und Biokraftstoffen reduziert würde. Im Jahr 2005 wurden 51 Millionen Hektar als Wiesen und Weiden genutzt, verglichen mit 100 Millionen Hektar für den Ackerbau. Zudem ist ein Teil des Ackerbaus der Produktion von Tierfutter gewidmet. Europa verfügt also über ein bedeutendes zusätzliches Potenzial für die Produktion von Grundnahrungsmitteln, das im Bedarfsfall aktiviert werden könnte. Dies mag aus ökologischer Sicht nicht wünschenswert sein, wäre aber im Katastrophenfall hinnehmbar.
Weniger wegwerfen: die garantierte Reserve
Drittens gibt es eine sehr einfache Möglichkeit, in Zeiten der Knappheit mehr Essen auf den Tisch zu bekommen, und die lautet: weniger wegwerfen. Etwa ein Drittel der europäischen Lebensmittelproduktion geht nach der Ernte verloren. Deutlich mehr Lebensmittel könnten konsumiert werden, wenn deren Verarbeitung, Transport und Verkauf effizienter organisiert würden und Haushalte sorgsamer mit den Lebensmitteln umgingen. Genau das wird ganz von alleine geschehen, sollten die Lebensmittelpreise jemals so hoch steigen, dass die Grundversorgung in Europa gefährdet wäre.
Die Weltmärkte: ein zusätzliches Reservoir
Sollten andere Länder ihre Exporte begrenzen – wie dies 2008 zu beobachten war – steigt der Preis auf den Weltmärkten. Allerdings verfügt die EU über ausreichend Kaufkraft, um ihren Bedarf auch bei hohen Weltmarktpreisen zu decken. (Die Versorgung über den Weltmarkt schadet nicht dem Kampf gegen die Armut - siehe Globale Ernährungssicherheit.) Lebensmittel-Importe wären daher nur gefährdet, falls eine globale Hungerkatastrophe oder ein Weltkrieg ausbrechen sollten, die den Handel zum Erliegen bringen.
Schlussfolgerung
Das Risiko einer Lebensmittelknappheit in Europa ist sehr gering. Wir können dennoch Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um das Risiko weiter zu reduzieren. Allerdings sind die Maßnahmen, die üblicherweise mit dem Argument der Ernährungssicherheit begründet werden, dazu ungeeignet. Die Betriebsprämien erhöhen das landwirtschaftliche Einkommen aber kaum das Produktionspotenzial. Zölle und produktionsgebundene Subventionen stimulieren vor allem solche Sektoren, die für die Ernährungssicherheit nicht wesentlich sind, wie etwa die Fleischproduktion. Außerdem begünstigen sie eine intensive Monokultur, die abhängig von Energie, Samen und Pflanzenschutzmitteln sowie anfällig gegenüber Tier- und Pflanzenkrankheiten ist. Das bedeutet: Maßnahmen, die unsere heutige Produktion auf kurzsichtige Weise erhöhen, vermindern unsere langfristige Ernährungssicherheit.
Es gibt klügere Ansätze, um dem unwahrscheinlichen Fall einer Lebensmittelknappheit vorzubeugen. Die öffentlichen Reserven, die sich auf historisch niedrigen Ständen befinden, könnten aufgestockt werden. Die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft gegen den Klimawandel, Wasserknappheit und Krankheiten könnte verbessert werden – beispielsweise durch den Schutz der genetischen Vielfalt von Nutzpflanzen und -tieren. Und die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Energie, deren Versorgung selbst unsicher ist, könnte reduziert werden.
